Michael Moritz

 

 

LA CONCIERGE

 

Streit mit sich selber. Eine Hausbesorgerin über verpasste Gelegenheiten und welkende Sehnsüchte. Ein Fortsetzungsmonolog in 12 Türen.      

In Erinnerung an Birgit Doll.

Eine Hausbesorgerin, 59 Jahre,  zwischen Halbparterre und Briefkästen.

 

Vorspiel

La Concierge:

Wo er nur bleibt? Er müsste längst hier sein...Wenn ihm was passiert ist? Er ist auch nicht mehr der Jüngste. War immerhin schon vor mir hier. Der Einzige, der länger hier lebt als ich. Deswegen habe ich auch so großen Respekt vor ihm. Platzrespekt. Die Jungen haben das nicht mehr. Kommen als letzte und alles gehört ihnen. Von vorhin auf jetzt. Vor fünf Minuten noch mit dem Arsch im Schnee, und kaum am warmen Ofen, haben sie vergessen, woher sie kommen. Ich nicht. Ich weiß, woher ich komme. Und der Herr Professor, der weiß es, weil er ja schon vor mir hier war. Und deswegen ist er auch der Einzige, der mich La Concierge nennt. Die anderen sagen Hausbesorgerin oder Die Pavlicek. Im besten Fall. Nervensäge, Putzeimer, Stasi – das geht in das eine Ohr rein und aus dem anderen wieder raus. Aber Hausbesorgerin, das tut weh. Aber sie wissen’s halt nicht anders. Woher auch?

Trotzdem. Manchmal wäre es gut, wenn ich das Weghören besser gelernt hätte. Früher war’s einfacher. Da wussten die Leut noch, wie man tuschelt. Heut’ brüllt ein jeder seinen Beziehungsscheiß heraus. Ob’s einer wissen will oder nicht. Da braucht’s kein Lauschen mehr.

 

Beim Herrn Professor damals, da hat es sich schon gelohnt, das Lauschen. Der hat auch immer geflüstert. Herrgott. Da konnte ich manchmal nur Wortfetzen heraushorchen und musste mir den Rest zusammenreimen. Lag hin und wieder völlig daneben. Aber ich hab’s ja keinem weiter erzählt. Nur einmal, das war schlimm. Da hat er dann die Polizei am Hals gehabt. Weil ich erzählt habe, sie würden es bei ihm oben mit Tieren treiben. Peinliche Gschicht...aber der Professor hat nicht herausbekommen, dass ich die Ente in die Welt gesetzt habe. Was redet er auch so leise. 

Besonders wenn gewisse Damen bei ihm waren. Dann hat er besonders leise geredet. Umso mehr haben dafür die Damen gequiekt. Wie Schweine am Spieß. Da ist einem fast das Trommelfell geplatzt. Nein, nein. Das war kein Lustquieken. Das habe ich auch erst geglaubt. Es war Schmerz. Psychischer Schmerz. Darauf hat er sich verstanden. Und deswegen sind sie ja auch Schlange gestanden bei ihm. Nur wenn’s richtig wehtat, war’s gut genug für die Damen. Ich sollte erst später erfahren, warum. Wie ich nämlich selbst so gequiekt habe, bei ihm auf dem Sofa. Und gezahlt haben sie, wie verrückt. Das ganze Haus hätte er sich von dem Geld kaufen können. Und mit mir nach Paris fahren, so wie er es mir versprochen hat. Einmal nach Paris. In meine Heimat. In die Stadt der Conciergen. „Madame Concierge“, hat er gesagt, „Wir fahren in die Stadt der Conciergen“. Und dann hat er mir in die Brüste gebissen und ich habe gequiekt vor Schmerz und Freude. Vielleicht war die Freude zu groß? Freude bringt Enttäuschung. Schmerz ist ehrlich. Deswegen lief das Geschäft ja so gut mit den Damen. Sie wussten, dass der Herr Professor es ehrlich mit ihnen meint. Nur mich hat er gepflanzt. Aber ich habe es ihm nicht übel genommen. Aufgeschoben ist nicht aufgehoben. Vielleicht kommt er jetzt gleich nach Hause, klopft bei mir an und sagt: „Madame Concierge, es ist soweit. Wir fahren nach Paris.“

Und sehen Sie, wie meine Wangen erröten, wie mein Herz höher schlägt, wie mir die Hände feucht werden? Die Augen nass? Ich trage noch immer zu viel Freude in mir. Da ist die Enttäuschung vorprogrammiert. Aber heute stehen die Chancen besser als sonst. Wenn nicht jetzt, wann dann? Ausgerechnet nach dreißig Jahren.

Ist’s nur, weil ich Sorge um ihn habe? Was bilde ich mir eigentlich ein? Es ist aus und vorbei. Ich kann mich nicht mehr erinnern, wann der genaue Zeitpunkt war. Es lief einfach aus. So wie die Mieter hier ein und ausziehen, so zog auch irgendwann einmal unsere Liebe in einem Umzugskarton davon. Wohin sie wohl gezogen ist? Vielleicht nach Paris? Das wäre eine Geschichte wert. Unsere Liebe wartet in einer kleinen Wohnung mit Blick auf den Eiffelturm auf uns. Fast erstickt im braunen Karton. Nein. Keine Hoffnung. Die Mieten sind zu teuer in Paris. Vor allem mit Blick auf den Eiffelturm. Das kann sich keine Liebe im Karton leisten. Was wohl noch in dem Karton ist? Vielleicht der Schal, den ich ihm mal für den kalten Winter Ende der Achtziger gestrickt habe. Kaschmir. Wasserblau. Passend zu seinen Augen. Ganz schlicht und trotzdem mit einem aufwendigen Muster. Je schlichter umso aufwendiger. Das wissen die wenigsten.

Wenn er nicht gleich kommt, rufe ich die Polizei. Aber am Ende hat er sich nur angesoffen und hält große Reden im Wirtshaus. Das ist schon einmal passiert. Vor neun Jahren. Fast auf den Tag genau. Ich erinnere mich deswegen so gut, weil ich im April vor achtundzwanzig Jahren in Holland gewesen bin. Damals fuhr man für solche Angelegenheiten noch gerne nach Holland. Die waren damals schon offener dafür. Protestanten eben. Ich denke ungern daran zurück. Amsterdam war schön. Hat mir gut gefallen. Hatte sogar kurz daran gedacht, ob ich das Kind nicht behalt und in Amsterdam bleibe. Dann hätte der Professor kein Problem gehabt und ich ein Kind. Aber in Amsterdam hat keiner eine Concierge gebraucht. Dann lieber Hausbesorgerin in Wien. Also bin ich ohne Kind wieder zurück und der Professor hat sich gefreut und mich wieder zum Quieken gebracht und mir dabei ins Ohr geflüstert: „Madame Concierge, bald fahren wir nach Paris.“

Ja, vor neun Jahren war es. Ich war mal wieder bei ihm gewesen, zum Auf-und Einräumen. Er hat auf der Couch gesessen, wo sonst immer die Damen lagen - und hin und wieder ich mit ihm – und er hat geweint. Ich habe nichts gesagt. Einfach nur eingeräumt. Was soll auch eine einfache Concierge sagen, wenn ein Professor weint? Er hat nicht aufgehört. Ich hatte schon alles eingeräumt und er weinte noch immer. So konnte ich nicht gehen. Also habe ich angefangen, wieder alles auszuräumen. Und wie er das gesehen hatte, hat er mit Lachen begonnen. Und wie er gelacht hat. Wie ein Kind. So unschuldig und glücklich. Beim Ausräumen hat er gelacht und beim Einräumen geweint. Wie ich das gemerkt habe, habe ich angefangen damit zu spielen. Ich habe eingeräumt, er fing an zu weinen, ich habe ausgeräumt, er lachte. Ich hatte plötzlich Macht über ihn. Nur übers Ein-und Ausräumen. Das war ein herrliches Gefühl. Aber irgendwann kippte es und ich fühlte mich schuldig. Er tat mir leid und ich wollte keine Macht. Ich bin doch in Ohnmacht aufgewachsen, bin gewohnt zu leiden und zu dienen. Da habe ich mich zu ihm aufs Sofa gesetzt. Ich wollte, dass er mich zum Quieken bringt und mir Paris verspricht. Aber er ist einfach nur aufgestanden und ins Wirtshaus gegangen. Und ist nicht mehr nach Hause gekommen. Und ich habe gewartet. So, wie jetzt. Und er kam die ganze Nacht nicht. Am nächsten Morgen kam dafür ein Anruf vom Spital. Zusammengeschlagen hatten sie ihn. Im Park. Weil er im Wirtshaus große Reden gehalten hat. Sie haben ihm aufgelauert und ihn grün und blau geschlagen.

Ich hätte ihn gerne besucht. Aber ich war ja nur die Concierge, die es nur fürs Ein-und Ausräumen gab.

Wenn sie ihn diesmal wieder grün und blau geschlagen haben, gehe ich ihn besuchen. Jetzt ist alles egal. Nichts ist mehr wie vorher.

 

Tür 1 Die Gräfin

Ah, ich höre was. Da kommt er...Nein, er ist es nicht. Man muss genau hinhören, wenn man den Unterschied erkennen will. Er zieht seinen Schlüsselbund immer schon fünf Meter vor der Haustür. Man hört es dann klimpern, wenn er kommt. Er klimpert heran. Moment. Ja, jetzt weiß ich, wer es ist. Die Gräfin. Die Gräfin mit ihrem Pudel. Mein Gott, wie die mir auf die Nerven geht. Seit Jahren schon. Nicht erst, seit sie den Hund hat.

Grüß Gott, habe die Ehre, Kompliment. Und? Hat der Stritzi gut verdaut?

Noch nicht einmal antworten kann sie. Von ihrem Gesicht soll ich ablesen, wie der Schiss des Köters war. Vornehme Zicke. Ich bin Luft für sie. Nicht existent. Nur, wenn ich ein Paket für sie habe, dann weiß sie, wo sie anläuten muss. „Frau –„ da stockt sie immer. Weil sie meinen Namen noch immer nicht kennt. Ich falle ihr in die Pause, damit es nicht peinlich wird. Ich könnte es ja auch mal drauf anlegen. Irgendwann lege ich es drauf an. Dann warte ich. Und nichts ist zu hören. Stille. Peinliche Stille. Nur der Furz vom Stritzi. Und das löst dann die Pause und wir haben ein Thema. Das Thema. Die Verdauung vom Stritzi. Als ob’s nichts Wichtigeres gäb.

Allein, wie sie mit dem Sackerl, in das er geschissen hat, ins Haus kommt. Als hätte sie ein teures Parfum gekauft, so schwenkt sie das Sackerl. Durchs Sackerl hindurch stinkt der Kot. Der typische Sackerl-Gackerl-Geruch. Und sie schleppt ihn ins Haus. Und ich hab ihn dann im Flur. Und der Herr Professor rümpft die Nase, wenn er bei mir vorbeikommt und macht mir ein schlechtes Gewissen. Nutzt ja nichts, wenn ich ihm sagen würde, es ist die Schuld der Gräfin. Erstens glaubt das keiner, zweitens reden wir schon lange nicht mehr miteinander.

Der Gestank verfliegt erst, wenn die Pölnitz aus dem ersten Stock Kohlrouladen kocht. Aber die macht sie auch nicht jeden Tag. Der Stritzi hingegen schon. Ich könnte natürlich lüften und unten die Türen aufreißen. Aber dann habe ich gleich das Gesindel im Haus. Und wenn du die erst einmal drin hast...

Möchte wissen, was die Gräfin mit dem Sackerl macht. Warum schleppt sie es mit heim? Vielleicht friert sie es ein? Und dann zeigt sie es am Freitag, wenn ihre Schwester mit dem Dackel Oskar kommt, was der Stritzi in der Woche geschissen hat. Und die Schwester erbleicht vor Neid, weil der Oskar nicht so gut scheißen kann, und fühlt sich wieder schlecht. Sie ist immerhin die Jüngere, und die muss man im Griff haben. Das hört nie auf. Und wenn es sein muss, ist einem da auch der Schiss vom Stritzi recht.

Ich habe auch eine jüngere Schwester. Sie hat keinen Oskar und ich keinen Stritzi. Dafür hat sie einen Mann, der sie betrügt mit einer Jüngeren. Sie nimmt’s hin. Weil ich ihr geraten habe, es hinzunehmen. Reg dich nicht auf, hab ich gesagt, das ist alles ganz normal. Lass ihm den Spaß. Und tu so, als wüsstest du von nichts. Dann hat er nämlich den Stress, es heimlich zu tun. Mit dem Stress im Büro, dem Stress fit und schön zu sein für die Junge gibt das ein ganz schönes Packerl für sein Herz. Dann kochst du noch etwas fetter, und du wirst sehen, in spätestes einem Jahr hat er einen Herzinfarkt. Und sie hat auf mich gehört, die Lissy, wie man auf eine ältere Schwester hört, wenn man gescheit ist. Und es ist sich ausgegangen. Gott, wie er sich plötzlich am Sonntag nach der fetten Gans ans Herz gegriffen hat. Die Hand verkrampft ans frisch gebügelte Hemd, nach Luft geschnappt, die fett nach Braten roch, und dann mit dem Stuhl nach hinten gekippt. Mit dem Hinterkopf an die Eichenkommode, die eigentlich mir versprochen war. Aber da sind die jüngeren Schwestern besser drin. Im Erbschleichen. Die älteren wissen Rat und die jüngeren Erschleichen sich das Erbe. Aber wo sollte ich hin mit dem schweren Möbel. Habe ja keinen Platz dafür. Aber reinpassen tät einiges. Schneller aufgeräumt hätte ich mit so einer Kommode.

Ist das ein Gestank. Vielleicht reiße ich doch die Türen auf. Den herablassenden Blick vom Professor kann ich heute nämlich nicht ertragen. Nicht heute. Auf keinen Fall. Dann bricht alles zusammen. Heute brauche ich Wärme und Anerkennung. Kälte und Missbilligung würden mich heute vernichten. Ich halte viel aus. Sehr viel. Sonst kann man den Beruf nicht ausüben. Aber nicht heute. Heute bin ich labil.

 

Michael Moritz | info@michaelmoritz.net